Ein Paradebeispiel für erfolgreiche Nachbarschaftsvernetzung

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Vorwort: Elke Wolber ist die Initiatorin der Bürgerhilfe in Grafschaft Esch. Im Jahr 2014 gründete Elke Wolber gemeinsam mit einigen Nachbarn und in Absprache mit der Polizei eine Gruppe, die sich seitdem per Whatsapp über Auffälligkeiten austauscht und für abendliche Nachbarschaftsspaziergänge verabredet. Das Konzept stieß rasch auf Zuspruch, weitete sich auf die umliegenden Orte aus und fand Aufmerksamkeit in den Medien. Nicht zuletzt aufgrund eines merklichen Rückgangs der Einbrüche und des großen Zuspruchs der lokalen Polizei war Elke Wolber seitdem mehrfach im Fernsehen zu Gast, um über den positiven Effekt, den die Bürgerhilfen bewirken konnten, zu berichten.

Frau Wolber, Sie sind die Initiatorin der Bürgerinitiative in Esch – bitte erzählen Sie uns einmal, worum es dabei genau geht.

Elke Wolber: Wir hatten in der Vergangenheit eine Vielzahl von Einbrüchen in unserem Ort sowie den Ortschaften in der näheren Umgebung. Im Februar 2014 haben wir uns dann dazu entschlossen, das Konzept „Wachsamer Nachbar“ intensiver umzusetzen und zwar in Zusammenarbeit mit der Polizei. Wir haben uns untereinander im Ort vernetzt und eine Whatsapp-Gruppe gegründet. Mittlerweile sind es sogar mehrere Orte in der Grafschaft, die über WhatsApp vernetzt sind und jetzt mit DIKE sind es noch viel mehr Bürger in der Grafschaft, die wir erreichen können!

Können Sie uns mal beschreiben, wie sie damals vor drei Jahren mit der Bürgerhilfe und der Vernetzung der Nachbarschaft begonnen haben?

Elke Wolber: Wir kennen uns hier im Ort ja fast alle und ich bekam von allen Interessierten die Kontakte zugespielt und habe dann alles in WhatsApp übertragen. Viele haben sich dafür interessiert und es wurden immer mehr Personen. Aber irgendwann kamen wir damit einfach an unsere Grenzen, weil man so viele Kontakte im Handy hat.

Abgesehen von den WhatsApp-Gruppen verabreden sich auch einige von uns zu einem täglichen Spaziergang durch den Ort, bei dem wir einfach die Augen offenhalten und darauf achten, ob uns etwas Merkwürdiges auffällt. Die Beobachtungen im Ort werden natürlich, wenn etwas sehr auffällig ist, sofort der Polizei gemeldet. Danach werden alle Nachbarn über die Gruppen informiert, damit alle anderen aufpassen können und gewarnt sind.

Sie haben damit sehr positive Resonanz bekommen und gute Ergebnisse erzielt, waren damit auch bereits im ZDF bei einer Talkshow und bei Maybrit Illner und sind gern gesehener Gast. Wie kam es dazu?

Elke Wolber: Einbruch ist aktuell leider einfach ein großes Thema. Wichtig war mir damals aber, dass unsere Initiative in Absprache mit der Polizei verläuft. Bevor wir gestartet sind, hatte ich ein Gespräch mit der Polizei und bin dort sehr gut beraten worden, worauf ich achten muss.

Dann war klar, dass wir das Projekt etwas bekannter machen müssen. Ich habe es an die Tages- und Wochenzeitungen geschickt und anschließend meldete sich eine Zeitung aus dem Bonner Raum und wollte mehr wissen – weiter musste ich dann anschließend gar nichts an Werbung unternehmen. Das kam von selbst. Auch die Fernsehsender WDR, SWR und weitere sind dadurch auf uns aufmerksam geworden und haben sich direkt bei mir gemeldet.

Einbruchsschutz und Prävention ist zurzeit eben ein sehr großes Thema. Wenn ich als Bürger weiß, was um mich herum passiert, kann ich ganz anders handeln, als wenn man nichts weiß. Die Transparenz ist einfach extrem wichtig. Wenn man weiß, dass im nächsten Ort eingebrochen wurde, dann fangen die Bürger an, über ihren eigenen Schutz nachzudenken. Es muss ja auch jeder selber ein bisschen für den Schutz des eigenen Hauses sorgen.

Wo wir können, geben wir auch immer hilfreiche Tipps, so wie die Polizei das auf ihren Veranstaltungen macht. Man wird mit der Zeit aber selbst oft nachlässig. Wenn man dann aber wieder etwas über einen Vorfall liest, dann denkt man wieder darüber nach, was man machen könnte: Zeitschaltuhr installieren, Lichter anlassen – die klassischen Methoden.

Das Wichtigste ist also: Am Ball bleiben und nicht nachlässig werden. Ansonsten hat es keinen langfristigen Effekt, richtig?

Elke Wolber: Ganz genau!

Was würden Sie denn anderen Leuten mitgeben, die auch gut informiert sein oder vielleicht sogar so etwas organisieren wollen. Wie geht man am besten vor?

Elke Wolber: Eine Bürgerhilfe, wie wir sie hier auf der Grafschaft in mittlerweile elf Ortschaften haben, sowie die gemeinsamen Spaziergänge in den Abendstunden – das kann jeder organisieren. Man sollte sich aber auf jeden Fall zuerst mit der Polizei in Verbindung setzen und sich an die Regeln der Polizei halten. Das ist das Wichtigste! Es geht wirklich nur darum, spazieren zu gehen, dabei ein wenig aufzupassen, im Zweifelsfall etwas zu melden aber niemals selbst zu handeln. Das hat also auch nichts mit Bürgerwehr zu tun, sondern lediglich mit einer aufmerksamen Nachbarschaft.

Sobald das geregelt ist, kann man eine kleine Informationsveranstaltung organisieren, vielleicht sogar zusammen mit der Polizei, sich mit den Nachbarn vernetzen und dann loslegen. So haben wir das damals gemacht.

Jetzt nutzen Sie auch schon länger die DIKE-App. Vielleicht können Sie noch mal sagen, was ihnen gefällt und was nicht.

Elke Wolber: Wir waren ja von Anfang an mit dabei und die ganze Entwicklung ist toll. Die Funktionen sind genau die, die wir brauchen. Vor allem die Weiterleitung von Meldungen in die WhatsApp-Gruppen finde ich super. Eine Meldung ist so schnell verschickt und man erreicht noch viel mehr Leute als es über WhatsApp möglich ist.

Das heißt, für Sie ist vor allem der Organisationsaufwand gesunken und sie haben noch mehr Transparenz, richtig?

Elke Wolber: Ja genau. Wir sind froh darüber, immer zu wissen, was los ist.

Können Sie sich vorstellen, dass die DIKE-App auch in Städten ein Thema ist oder ist das eher etwas für ländlichere Regionen?

Elke Wolber: Klar, warum nicht. Da passiert ja auch viel – vielmehr wahrscheinlich noch als hier. Wir haben festgestellt, dass wir mittlerweile viele Auffälligkeiten melden, die wir vorher nie beachtet und über die wir uns keine Gedanken gemacht haben. Da haben wir zum Beispiel festgestellt, dass es Gruppen von Bettlern gibt, die ganz organisiert von einer Ortschaft in die nächste ziehen oder dass ein angeblicher Schrotthändler ganze Garagen ausgeräumt hat und wir dann anhand des Kennzeichens festgestellt haben, dass er auch hier schon mindestens fünfmal unterwegs war.

Viele, die in den letzten Jahren in unsere WhatsApp-Gruppen hinzugekommen sind, haben zu mir gesagt: „Ich hätte niemals gedacht, dass hier um uns herum so viel passiert.“ Das gibt es ganz sicher auch in der Stadt.

Es gab von der Polizei schon mehrfach die ausdrückliche Bestätigung Ihres Ansatzes, dass man es begrüßt, wie gut die Bürger hier miteinander vernetzt sind. Es hat auch bereits mehrfach zu schnellen Fahndungserfolgen geführt. Klasse! Unser Eindruck ist, dass es Ihnen sehr gut gelungen ist, die Meldungen, die gepostet wurden, sehr wenig emotional zu beschreiben.

Elke Wolber: Ja, genau so versuchen wir das hier umzusetzen und die eigene Meinung in der Meldung nicht preiszugeben. Ärgern kann man sich woanders. Man sollte sachlich bleiben und nur die Informationen weitergeben. Alles andere bringt nichts und führt nur zu Diskussionen, weil dann Meinungen aufeinander prallen. Das ist einfach nicht Sinn der Sache.

Welche Tipps haben Sie denn für Nachbarschaften, die so etwas auch bei sich umsetzen und sich im Nachbarn- und Bekanntenkreis vernetzen wollen. Wie würden Sie das angehen?

Elke Wolber: Genau so, wie wir es begonnen haben. Man fängt mit den Nachbarn an und jeder gibt es dann immer weiter. Man kann es in der Schule ansprechen, im Kindergarten, im Sportverein und so wird der Kreis schrittweise immer größer.

Gab’s da auch manchmal kritische Stimmen, wenn sie das vorgeschlagen haben?

Elke Wolber: Nein, selten bis gar nicht. Diejenigen, die es weiterempfohlen haben, haben den Hintergrund natürlich auch erklärt und von daher wussten alle immer Bescheid.

Was denken Sie – wo könnte man denn in Deutschland in zwei oder drei Jahren stehen, wenn sich solche Ansätze verbreiten? Im Ausland – vor allem in den Niederlanden – gibt es ja schon eine sehr gute Vernetzung zwischen Polizei und Bürgern. Wo könnte man sich da in Deutschland hinentwickeln?

Elke Wolber: Ich hoffe ganz klar auf eine noch größere Vernetzung und vor allem mehr Transparenz für die Bürger seitens der Polizei. Hier in Rheinland-Pfalz darf die Polizei mittlerweile auf Facebook posten und kommentieren und dadurch erhalten wir wesentlich mehr Informationen. Auch das Einbruchsradar, das zwischenzeitlich eingeführt wurde, fand ich klasse! Leider wurde das mittlerweile wieder eingestellt.

Ich würde mir aber auch wünschen, dass die Polizei in Zukunft einfach Meldungen direkt in DIKE veröffentlichen würde. Es gibt hier genug Bürger, die dann direkt zum Handy greifen, gucken und aufpassen und es wird auch nicht missbraucht. Das kam hier kein einziges Mal vor. Ich glaube, dadurch könnte noch ein viel besseres Zusammenspiel zustande kommen.

Letztlich spricht ja auch nichts dagegen, denn die Polizei veröffentlicht ja bereits über Twitter und Facebook aktuelle Meldungen an ihre Follower, wohingegen auf DIKE die Informationen sehr viel lokaler und ortsspezifischer verbreitet werden würden.

Elke Wolber: Und genau darüber freuen wir uns hier, weil wir vorher die Meldungen, die aus dem Umland kamen, zuvor mühsam im Internet und unterschiedlichen Facebook-Gruppen zusammensuchen mussten. Dass das Ganze jetzt mit DIKE einfacher geht, ist klasse!

Haben Sie von der Polizei auch eine Resonanz bekommen?

Elke Wolber: Ja! Natürlich waren auch mal Meldungen dabei, die zu nichts führen, aber schon ein halbes Jahr nach Start unserer Initiative hat die Polizei uns die Rückmeldung gegeben, dass wir ein gutes Gespür dafür haben, was richtig und was falsch ist. So zum Beispiel, wenn uns Personen aufgrund ihres auffälligen Verhaltens im Ort auffallen. Wir sprechen diese dann manchmal einfach freundlich an und fragen, ob wir ihnen weiterhelfen können.

Jetzt könnte man aber ganz provokant sagen: Wenn an jeder Ecke eine Polizeistreife stehen würde, bräuchten Sie die DIKE-App gar nicht.

Elke Wolber: So stark kann die Polizei ja gar nicht besetzt sein, dass an jeder Ecke ein Streifenwagen stehen könnte. Aber selbst wenn das so wäre, gäbe es trotzdem noch Auffälligkeiten und Vorkommnisse. Die Einbrecher sind so schnell, das dauert ja selten länger als fünf Minuten. Wir hatten hier auch schon Fälle, dass in der direkten Nachbarschaft eingebrochen wurde, ohne dass irgendjemand etwas mitbekommen hat, obwohl wir hier so aktiv sind. Da sagte die Polizei dann zu uns: „Den Schuh dürfen Sie sich nicht anziehen. Das kann trotzdem immer passieren.“ Wenn es Einbrecherbanden sind, sind die so gut organisiert, da hat auch der Streifenwagen, der an der Ecke steht meistens kaum eine Chance. Wünschen würde wir es uns natürlich schon, dass es mehr Polizeipräsenz gäbe.

Eine letzte Frage: In einem Ihrer Fernsehauftritte hatten Sie mal das Schlagwort „Verdrängungseffekt“ erwähnt. Können Sie das nochmal etwas genauer erklären?

Elke Wolber: Ja ganz einfach: Wir haben auf der Grafschaft mittlerweile einfach weniger Einbrüche – sei es durch unsere Vernetzung oder die Prävention der Polizei. Es ist nicht eindeutig zu erklären, aber es ist zurückgegangen. Wir konnten aber beobachten, dass die Einbrecher jetzt einfach weiterziehen. Ein Stück weiter weg von hier an der nächsten Autobahnausfahrt z. B. bekommen wir mit, dass man dort nun immer stärker betroffen ist. Die Einbrecher geben also nicht auf, sondern ziehen einfach ein Stück weiter und suchen sich das nächste Gebiet.

Ihre Erfahrung also: Die Ortschaften, die sich untereinander organisiert haben und den Informationsaustausch pflegen, werden dann eher gemieden?

Elke Wolber: Ja genau! Die Einbrecher sind ja auch clever und wissen dann, dass zu jeder Zeit jemand vorbeispaziert kommen kann, der stört und meldet. Und das ist für die Einbrecher das größte Hindernis. Sie wollen schnell einbrechen. Wenn sie dabei gestört werden – sei es durch einfaches Beobachten oder Ansprechen – meiden sie die Gegend in Zukunft und ziehen weiter.